Kirchengeschichten 1


Das Ehepaar Ringe gehörte zu den treuesten Gottesdienstbesuchern der "St.Turbus Gemeinde" Kassel-Nord. Ihnen zuliebe spielte die Kirchenband "Megachurch" heute die Metal-Versionen der eigenhändig ins Englische übersetzten Lieder "In the water falls a stone" und "By good powers wonderful protected".

Trotzdem lehnten die beiden anschließend das großzügige Angebot ab, die Band am kommenden Sonntag im Rahmen ihrer "World-Tour" zu ihrem Auftritt zur Friedhofskapelle Kassel-Süd zu begleiten. Daran konnte auch die Zusicherung von Freikarten und die ehrenvolle Möglichkeit, als "Roadies" das Equipment von "Megachurch" auf die Bühne tragen zu dürfen, nichts ändern.

 

Am Nachmittag hatte sich Pastorin Rehnboh-Flegg zum Besuch bei Werner und Erika Ringe angekündigt. Und dabei kam das Gespräch darauf, dass die beiden natürlich offen sein wollten für moderne Kirchenmusik, aber trotzdem manchmal den aufgelösten Seniorenchor unter der Leitung von Wolfgang Amadeus vermissten.

"Natürlich hätte er als Dirigent nicht zu den Sopranistinnen sagen dürfen, dass sie im Alter noch das hohe C hinkriegen müssen, weil ihre Brüste schließlich auch gewachsen sind", sagte Werner. "Aber der Chor fehlt mir trotzdem!"

Erika bemerkte zustimmend: "Ich vermisse den Chor auch. Und meine Brüste sind außerdem auch gar nicht größer geworden!"

"Die waren ja schon immer ziemlich üppig", antwortete Werner. "Und du singst ja auch Altstimme!"

Pastorin Rehnboh-Flegg bemühte sich, das Gesprächsthema eher wieder auf die aktuelle Gemeindesituation und die Musik zu lenken: "Wir müssen da ja alle unsere Kompromisse finden, wenn wir ein gesundes Wachstum wollen."

"Wie gesagt, ich brauche da kein Wachstum mehr. Meine sind groß genug!" stellte Erika fest.

Während Werner zustimmend nickte, antwortete die Pastorin: "Nein, wir sollten uns Menschen ja nicht auf bestimmte Körperteile reduzieren. Ich meinte eher die teilweise sehr laute und gerade für die Älteren ungewöhnliche Musik. Mir ist klar, dass das manchmal eine Herausforderung ist."

"Ach, der Vorteil eines Hörgerätes ist: Man kann es ausschalten!" sagte Werner.

"Und Sie wollen wirklich nichts von der Kirschtorte, sondern nur diese veganen und glutenfreien Pappscheiben, die Sie mitgebracht haben?" fragte Erika.

"Ich weiß das sehr zu schätzen, dass Sie sich als Backende so viel Mühe gegeben haben. Aber mich beschäftigt das Schicksal von frei laufenden Eiern schon seit vielen Jahren. Wir Nahrungsmittel-Verzehrenden müssen da dauerhaft umdenken. Deshalb ernähre ich mich sehr bewusst."

"Ich auch!" sagte Werner Ringe. "Ich nehme noch ein Stück von deiner wunderbaren, veganfreien Kirschtorte, Rike." Und anschließend murmelte er leise, aber immerhin laut genug, dass alle es hören konnten: "Ist doch kein Wunder, dass heute keiner mehr große Brüste kriegt!"   

 

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