Im letzten Sommer hatte ich das Langstreckenwandern für mich entdeckt. Und im Überschwang der Gefühle und nach einigen Wanderungen über 25 oder sogar 30 km entstand dann die Idee, mich für den Weserbergland-Megamarsch anzumelden, der bei uns in Rinteln Start und Ziel hat.
Neben dem eigentlichen 100-km-Marsch, der bereits seit mehreren Jahren stattfindet, wurde nämlich erstmalig auch eine 50-km-Strecke bei Nacht angeboten ... also sozusagen der "Bambini-Marsch" ... 😁
Mir sagte das auf Anhieb zu, denn 50 km erschienen mir irgendwie realistisch und außerdem war ja klar, dass auch an einem sehr heißen Tag die Temperatur in der Nacht deutlich angenehmer sein würde als tagsüber. Denn mit einer Startzeit ab 18 Uhr konnte man der größten Hitze entgehen.
Um die Herausforderung, dann aber nachts wach bleiben zu müssen, machte ich mir keine Sorgen. Denn als Beamter schlafe ich ja sowieso tagsüber (Brüller! So alt, aber immer wieder ein Klassiker ... 😁).
Auch im Herbst war ich durch den Tannheim-Urlaub und einige weitere Wanderungen immer noch fit. Aber dann kam der Winter, der aus mehreren Gründen nicht sehr schön war und für mich trainingsmäßig sowohl beim Laufen als auch beim Wandern wenig erfolgreich.
Als ich im Februar dann ein paar erste kleine Wanderungen machte, oft gemeinsam mit meiner Frau, merkte ich dann deutlich, dass die Form komplett weg war. Und nicht nur das, auch das Gewicht war so, dass mein Hausarzt irgendwann mit Blick auf meinen Bauch fragte: "Und?" 😁
Ich steigerte die Trainingsumfänge beim Wandern, schaffte irgendwann auch wieder 15 km und mehr. Dabei musste ich aber feststellen, dass ich zum Ende der jeweiligen Wanderung total kaputt war und dass insbesondere Anstiege mir enorme Probleme bereiteten ... zum Beispiel die Treppen in den zweiten Stock im Finanzamt 😁
Ich hatte deshalb Anfang April echte Zweifel, ob eine Teilnahme am Mega-Marsch überhaupt Sinn machen würde, denn da war klar, dass es mehrere knackige Anstiege geben würde. Insbesondere die "Bergwertung" zur Paschenburg oberhalb der Schaumburg.
So ganz kampflos aufgeben wollte ich meine Idee aber nicht und deshalb intensivierte ich das Training, streute auch immer wieder Anstiege mit ein und merkte dann Anfang Mai erste Erfolge. Der Urlaub mit meinem Sohn in Tannheim war als zusätzliches "Trainingslager" gut.
Im Mai schaffte ich dann auch Wanderungen um die 30 km. Und lediglich einmal - an einem sehr heißen Tag - musste ich die eigentlich geplanten 33 km dann vorzeitig beenden, weil mir meine vier Liter Getränke nicht ausreichten und deshalb die letzten Kilometer echt hart geworden wären. Ich ließ mich deshalb gut 2,5 km vor dem eigentlichen Ziel von meinem Sohn abholen. Die anschließenden Wanderungen mit 33 km und 35 km klappten aber gut. Auch der im Training nochmal absolvierte Anstieg an Schaumburg und Paschenburg war in Ordnung. Mir war allerdings klar, dass sich das anders anfühlen würde, wenn man vorher statt 4 km dann über 31 km in den Beinen hat ... und das tat es dann auch.
Gestern kam dann endlich der große Tag. Ich hatte wirklich Bock drauf und wollte es jetzt endlich wissen. Mein Bruder war auch noch zum Start gekommen, obwohl er einige Stunden vorher schon seine Tochter für die 100-km-Strecke angefeuert hatte.
Ich startete gleich in der ersten Startgruppe. Beim Mega-Marsch funktioniert das anders als beim Marathon. Dort starten also nicht unbedingt die Schnellsten dann als Erste, sondern immer jeweils 100 Leute im Startbereich, die dann in Abständen von fünf Minuten auf die Strecke geschickt werden.
Auf dem ersten Kilometer ließ ich mich von den anderen etwas mitreißen und war dann mit über 6 km/h unterwegs. Da mir aber klar war, dass das für diese lange Distanz zu schnell war, nahm ich dann etwas Tempo raus und wollte so ungefähr bei 5 km/h landen. Etwas schneller war ich trotzdem, aber es fühlte sich gut an.
Da ich große Teile der Strecke schon im Training absolviert hatte, kannte ich auch den ersten heftigen Anstieg bei km 8. Vorher gab es noch an der ersten Verpflegungsstation in Hohenrode Essen und Getränke. Da ich aber meine bewährte Apfelschorle dabei hatte, nahm ich nur ein Käsebrot und ging gleich weiter. Beim Anstieg nahm ich bewusst Tempo raus, um da ganz in Ruhe hochzugehen. Das war gut. Denn anschließend folgten auch noch einige Kilometer mit mehreren kürzeren Steigungen und ich wollte mir die Kraft einteilen. Etwas blöd war, dass ich relativ früh schon ab km 15 Blasen an den Füßen hatte, obwohl ich die besten Socken und natürlich meine Wanderschuhe anhatte. Besonders auf Schotterwegen war das jetzt schon ziemlich früh etwas schmerzhaft ... aber "Schmerz" ist mein zweiter Vorname ... 😁
Bei der zweiten Verpflegungsstation bei km 19 nahm ich wieder Käsebrote (Frikadellen gab es nicht ... 😁) und füllte die Trinkflasche wieder auf. Auch da ging es gleich weiter. Scheinbar ließen sich viele andere dort mehr Zeit, denn während die Strecke vorher relativ voll war, ging ich danach fast alleine. Jetzt folgte der Weg zur Brücke in Hessisch Oldendorf. Dieser Abschnitt war - auf dem Radweg direkt neben einer Straße - nicht so schön. Aber die Brücke ist halt die einzige Möglichkeit, um über die Weser zu kommen, wenn man nicht schwimmen will. Langsam setzte die Dunkelheit ein und ich schaltete meine neue und superleichte LED-Stirnlampe an.
Die folgenden Kilometer führten uns an der Weser entlang in Richtung Großenwieden. Dort war dann bei km 29 der dritte Verpflegungsstand auf dem Sportplatz. Blöderweise musste man da über den halbhohen Zaun am Spielfeldrand klettern (drunter durch wäre noch würdeloser gewesen), aber ich habe es irgendwie hinbekommen, meinen welken Körper da rüber zu wuppen 😁.
Hier gab es leider keine Käsebrote mehr, dafür Linsensuppe (wer isst so was bei einer Wanderung?). Ich hielt mich an ein paar Brezeln, eine Waffel und ein paar Fruchtgummis, die beim Wandern immer gut sind.
Und auch hier ging ich gleich weiter. Denn jetzt würde der schwerste Teil mit dem Anstieg kommen. Es war gut, dass ich den eine Woche vorher schon ausprobiert hatte, weil ich wusste, was auf mich zukommt. Denn jetzt war es stockdunkel und man konnte nur anhand der Stirnlampen der anderen ahnen, wie die Strecke ist und wo es hochgeht. Und ich merkte jetzt doch, dass ich müde wurde.
Der erste Teil bis zur Schaumburg klappte trotzdem gut. Ich hatte mir den langen Anstieg gut eingeteilt. Aber dann folgte ja noch der zweite Teil von der Schaumburg bis oben zur Paschenburg. Man kann diesen Anstieg als halbwegs fitter Mensch gut schaffen. Aber es ist halt was komplett anderes, wenn man vorher schon 33 km in den Beinen hat.
Und das merkte ich jetzt ziemlich heftig. Denn im Anstieg fühlte es sich so an, als hätte mir ganz plötzlich jemand den Stecker gezogen. Ich konnte nicht mehr, blieb stehen, habe Cola getrunken (Zucker!) und ließ einige Leute an mir vorbeiziehen. Um nicht wie das Sani-Opfer zu wirken, tat ich so, als würde ich was im Rucksack suchen 😁 Ich muss zugeben, dass ich in diesem Moment ans Aufgeben dachte, weil ich mich wirklich total schlapp und kreislaufmäßig "im Keller" gefühlt habe.
Nach ein paar Minuten quälte ich mich aber langsam weiter. Vor mir war ein Mann, der ähnliche Probleme hatte und wir gingen sehr, sehr langsam diesen Anstieg hoch. Irgendwie schien der dann - zum Glück - doch etwas kürzer als von mir befürchtet. Und oben auf dem Bergkamm wusste ich, dass die restliche Strecke bis zur Paschenburg jetzt (fast) flach war.
Bei der Paschenburg gab es Ravioli. Das wusste ich und hatte mir deshalb extra einen Teller und Besteck eingepackt. Aber in diesem Moment hatte ich absolut keinen Hunger auf Ravioli. Ich nahm mir stattdessen eine Brühe, die aber auch irgendwie nicht so das Richtige war. Nach drei Schlucken kippte ich den Rest doch lieber weg. Da es ansonsten Marmeladenbrötchen gab (auch nicht mein Ding) hielt ich mich an eine Banane und ein paar Gummibären ... also genau die ausgewogene Sportlernahrung 😁
Hier gönnte ich mir aber erstmals eine Sitzpause von etwa fünf Minuten, um nach dem Anstieg wieder Kraft für die letzten 14 Kilometer zu sammeln. Die Zeit war fast schon zu lang, denn man kühlt dann doch relativ schnell aus. Deshalb machte ich mich auf den weiteren Weg. Ich wusste, dass jetzt erstmal einige Kilometer bergab folgen würden und das war auch gut so.
Denn ich spürte relativ schnell, dass ich mich jetzt wieder gut fühlte. Also runter nach Deckbergen. Dort noch einige Leute davor bewahrt, den Berg wieder hochzulaufen, weil die eigentliche Strecke schlecht markiert war. Aber ich kannte mich ja aus. Die anderen hätten es aber beim Blick auf die komoot-App wohl auch relativ schnell bemerkt.
Das km-Schild 40 sorgte nochmal für Motivation, denn jetzt sollten die letzten 10 km wohl auch zu schaffen sein. Auch hier war es gut, dass ich die Strecke kannte, denn auch hier folgten noch einige kurze Steigungen, die man sich deutlich besser einteilen kann, wenn man sie kennt.
Wir erreichten Steinbergen, also noch fünf Kilometer. Auch hier konnte ich einigen anderen dann den schwer zu findenden (und ebenfalls nicht gut markierten) Trampelpfad zeigen, an dem sie schon vorbeigelaufen waren.
Mit dabei waren zwei Frauen, die mit dem Geklapper ihrer Walkingstöcke ziemlich nervten (jedenfalls mich 😁). Die hätte ich eigentlich weiter gehen lassen sollen ... 😁. Aber natürlich hilft man sich als Sportler.
Noch ein letzter kleiner Anstieg und dann wusste ich, dass es jetzt nur noch bergab geht. Da konnte ich dann endlich auch die beiden mit den Walkingstöcken abschütteln, weil ich jetzt das Tempo nochmal erhöhte. Das nahende Ziel setzte nochmal Energie frei (vielleicht war es auch das Gel, das ich noch gelutscht hatte).
Vorbei am Haus, wo früher meine Großeltern gewohnt haben. Dann zum Bahnübergang an der Mindener Straße und Richtung Südstadt. Vorbei am Mykonos ... (leider nachts um 3 Uhr schon geschlossen)😁, über die Weserbrücke und dann die letzten Meter durch die Fußgängerzone zum Marktplatz ins Ziel. Mein erster 50-km-Megamarsch! Ich hatte ihn geschafft!
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| "Beweisfoto" - von meinem Bruder Dirk gemacht |
Im Ziel erwartete mich wieder mein Bruder, der natürlich sowieso seine Tochter auf der 100-km-Strecke mehrfach unterwegs angefeuert und verpflegt hatte. Wegen des einsetzenden Regens blieben wir da aber nicht lange. Ich ging ... oder besser ... ich watschelte. Denn nach dem Ziel merkt man dann die wunden Füße auf einmal richtig heftig.
Dann zum Auto, schnell ein trockenes Shirt angezogen und nach Hause.
Abgesehen von der körperlichen Müdigkeit durchs Wandern hat mir die Nacht nichts ausgemacht. Ich hatte das aber bereits vermutet, weil ich damit eigentlich noch nie Probleme hatte. Ein Fischer kann auch nachts die volle Leistung ... ach, lassen wir das 😁
Insgesamt war es ein tolles Erlebnis. Anstrengend, aber auf eine völlig andere Weise als die Marathons, die ich gemacht habe. Eine Frau hatte unterwegs gesagt, das wäre ja ein Extremsport, was wir da machen. Ganz so dramatisch würde ich es jetzt nicht sehen. Aber eine Herausforderung ist es auf jeden Fall.
So Gott will, bin ich nächstes Jahr wohl wieder dabei ... bescheuert genug bin ich jedenfalls ... 😁








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