Friedrich Merz hat es schon wieder gemacht. Auf einem Arbeitgebertreffen am 6. Mai hat er gesagt, dass wir Deutschen zu wenig arbeiten ...
Immerhin, das soll der Fairness halber erwähnt werden, hat er dort auch gesagt, dass viele Menschen - er nannte konkret die Krankenpfleger - sehr viel leisten. Also scheint zumindest eine gewisse Lernfähigkeit bei ihm vorhanden zu sein (Immerhin!).
Aber dann haut er mal eben wieder einen Satz raus wie: "Wir arbeiten 200 Stunden weniger als in der Schweiz!"
Und dann frage ich mich wieder: Will er es nicht verstehen und ist ihm der Applaus, den er bei Arbeitgebern dafür erntet, dann wichtiger als die arbeitenden Menschen im Land? Oder rafft er einfach nicht, dass ein Kanzler für jede seiner Äußerungen öffentlich geradestehen muss und dass er nicht weiter einfach so irgendwas in die Welt rausposaunen kann?
Denn erstens stimmt das mal wieder nicht, sondern nach meinen Recherchen sind es nur knapp 150 Stunden weniger als in der Schweiz (Statistik der OECD aus 2022).
Zweitens erwähnt er beispielsweise nicht, dass Frankreich und Italien, zwei andere große Länder der EU, in dieser Statistik hinter Deutschland liegen.
Drittens hat die durchschnittliche Arbeitszeit mit einer Reihe von völlig verschiedenen Faktoren zu tun, zum Beispiel dem Anteil von Teilzeitarbeit (der wiederum aus vielen verschiedenen Gründen und Faktoren länderspezifisch schwankt), der unterschiedlichen Dauer von Schulzeit, Studienzeit oder Ausbildungszeit und natürlich auch den unterschiedlichen Berufen und Arbeitgebern, die je nach Land einen unterschiedlichen Anteil an der Beschäftigung haben.
Manchmal kommen mir diese Aussagen ähnlich naiv vor wie die legendäre Erkenntnis von Franz Beckenbauer, der meinte, in Katar keinen einzigen Zwangsarbeiter gesehen zu haben. Man vermutet, dass diese These von Franz daher kam, dass er beim Blick aus seiner klimatisierten Luxuslimousine niemand in Ketten erblickt hat und deshalb davon ausging, dass alles klasse war.
Bei Merz glaube ich manchmal, dass er beim Flug mit seinem Privatflugzeug dann nach unten blickt und irgendwie dabei die Menschenmassen vermisst, die gerade über die Felder strömen, um die Ernte einzufahren ...
Schön wäre es, Herr Merz, wenn Sie Ihre eigene Arbeitsleistung nicht nur nach Stunden bemessen. Das werden ohne Frage ziemlich viele sein. Sondern auch nach Arbeitsergebnis und -erfolg. Und da ... ganz ehrlich ... würde ich mal sagen: Bisschen mehr für die Absicherung der vielen hart arbeitenden Menschen im Mindestlohnsektor tun, bisschen mehr die Reichen mit in die Verantwortung holen (Erbschaftsteuer, Vermögensteuer, Quellensteuer für Kapitaleinkünfte ...) und vielleicht mal das eine oder andere Arbeitgeber- oder Investmentbankertreffen dafür sausen lassen ...
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